OEG und VDK

Hier können Betroffene über ihre Erlebnisse diskutieren.
Sayeda
Beiträge: 344
Registriert: So Feb 02, 2014 11:30 am

Re: OEG und VDK

Beitrag von Sayeda »

Hallo,
es kommen mehrere Dinge zusammen, weshalb die Beantragung des SER für schwer traumatisierte Menschen so läuft wie sie läuft.

Die Mitarbeitenden müssen Anträge nach rechtlichen und verwaltungstechnischen Vorgaben prüfen. DAs ist erst mal ganz sachlich und emotionslos. Es gibt eine Art Liste, die sie genau abarbeiten müssen und oft können sie nur abhaken, bzw. nur mit ja oder nein antworten. Das kann dazu führen, dass der Blick stärker auf Nachweise, Fristen und Kriterien gerichtet ist als auf die betroffene Person. Für die Sachbearbeiter_innen ist es ein Verwaltungsakt, der abgearbeitet werden muss. Das darf diesen nicht vorgehalten werden, denn es ist ein Systemfehler.

Zeitmangel, hohe Fallzahlen und bürokratische Abläufe erschweren es Mitarbeitenden, jedem Fall die Aufmerksamkeit zu schenken, die er eigentlich verdient.

Die Abläufe sind suboptimal. Wenn mal kein Häkchen gemacht werden kann, dann wird ab diesem Punkt nicht mehr an dem Antrag gearbeitet, sondern erst alles gemacht, damit dieses Häkchen gesetzt werden kann. So kann es sein, dass ein Bericht fehlt oder etwas geprüft werden muss und somit wird entweder der Antrag auf die Seite gelegt, bis der Bericht da ist oder eben weitergegeben, wenn jemand anderes für die Prüfung verwantwortlich ist.

Nicht alle Sachbearbeitenden oder Entscheidungsgremien verfügen über eine fundierte traumasensible Ausbildung. Traumatisierte Menschen erinnern sich häufig nicht chronologisch, reagieren emotional oder vermeiden bestimmte Themen. Wer diese Zusammenhänge nicht kennt, kann Aussagen fälschlicherweise als widersprüchlich oder unglaubwürdig bewerten.

Es sind oft Juristinnen, welche die Entscheidungen treffen. Und oft leider ohne zusätzliche Ausbildung. Obwohl das Wissen über sexualisierte Gewalt zugenommen hat, gibt es immer noch Vorstellungen wie: "Kann das wirklich so gewesen sein?", "Warum wurde nichts früher gesagt?" oder "Gibt es ausreichende Beweise?". Solche Denkweisen beeinflussen manchmal unbewusst den Umgang mit den Berichten der Betroffenen.
Für mich fängt es bereits bei den Begrifflichkeiten an. So kann die Tatsache, dass missbrauchende Eltern kriegstraumatisiert sind, als sogenannten "Milieuschaden" bezeichnet werden, der nicht durch das SER abgedeckt ist. Beim SER geht es ja darum, den Schaden, welche die Gemeinschaft zu verantworten hat, "auszugleichen". Dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, spielt oft keine Rolle. Je nachdem, welcher Mensch die Entscheidungen trifft.

Das alles liegt u.a. auch in der Geschichte des OEG begründet. Das OEG wurde 1976 ursprünglich geschaffen, um Menschen zu entschädigen, die Opfer vorsätzlicher Gewalttaten (Überfall etc.) geworden sind. Der Schwerpunkt lag dabei auf der staatlichen Fürsorge, aber auch auf der Überprüfung, ob die gesetzlichen Voraussetzungen tatsächlich erfüllt sind. Das führte zu einer Verwaltungskultur, in der Fragen wie diese im Mittelpunkt standen:

Ist die Gewalttat nachweisbar?
Ist sie mit hinreichender Wahrscheinlichkeit nachgewiesen?
Sind die gesundheitlichen Folgen auf diese Tat zurückzuführen?

Diese Beweisorientierung hat die Verwaltungspraxis nachhaltig geprägt und hat oft zur Folge, dass sich Betroffene sexueller Gewalt eher als Antragstellende unter Verdacht denn als Menschen mit berechtigtem Anspruch auf Anerkennung und Unterstützung erleben. Die Reform durch das SGB XIV verfolgt zwar einen stärker traumasensiblen Ansatz, doch dessen Umsetzung in der Praxis ist erst am Anfang und ein fortlaufender Prozess.

sayeda
Wenn eine Frau ihre eigene Größe entdeckt hat, kann kein Lob sie größer, keine Kritik sie kleiner machen.
Der Käfig ist offen.
Verlassen musst du ihn selbst

Luisa Francia
Hoffnung
Beiträge: 22
Registriert: Mo Feb 24, 2025 9:02 am

Re: OEG und VDK

Beitrag von Hoffnung »

Ok. Ich hätte nicht gedacht, dass die Mitarbeiter keine traumasensible Ausbildung haben! Diese Infos scheint mir jetzt grade in meinem Fall viel Erkenntnis zu bringen.
Ich reagiere leider auf einige Sachen sehr traumakonsistent und ja, es ist an manchen Tagen sehr schwer das alles auszuhalten! Es wirkt dann alles teils stark retraumatisierend. Und dann geht es wieder los.., dass die mir alle nur schaden wollen und das extra machen etc etc etc. Da spuhlt sich dann das ganze alte erlebte ab, das, was das Nervenstystem damals so gelernt hat. Ich habe die pure Hölle hier auf Erden erlebt. Ich weiß, dass meine Angst aus alten Erfahrungen kommt und nicht aus der aktuellen Situation. Ich arbeite daran, mein Nervensystem zu beruhigen und die Abläufe sachlich einzuordnen.. Ich versuche da kopfmässig und gedanklich gegen zu steuern und trotzdem reisst mich dann wieder mit, obwohl ich mir ja selber auch immer wieder sage, so wie du es auch schriebst, es wird ja alles Gründe haben dafür dass es läuft wie es läuft. Leider ist es so, dass ich eine Sachbearebiterin habe, die, warum auch immer, (auch dafür mag es viele Gründe geben..) , so gut wie garkeinen Kontakt zu mir hat oder haben will. Auch wenn ich mal eine mail schrieb, schreibt sie mir nicht zurück. Und dann geht meine Angst und das alles wieder los und ich fühle mich wie "Dreck" behandelt und ignoriert, „extra“ schlecht behandelt, wertlos, missachtet, alles wie früher halt.. und dieser Schneeballeffekt tritt dann wieder ein. Dabei wird es so sein, dass sie vermutlich einfach schlicht und ergreifend nicht die Zeit hat mir zu antworten. Ausserdem habe ich da ja da eine andere Person, die sich sehr um mich kümmert und auch viel Kontakt zu mir hält und hat. Aber nur weil eine Stelle dann nicht antwortet, bekomme ich trotzdem diese Probleme! Wie gesagt ich weiss ja, dass es viele Gründe haben kann, drängt sich dann wieder dieser eine Gedanke auf, die wollen dich damit fertig machen, die wollen dir schaden, die wollen dass du das nicht überlebst etc etc etc. und dann übernimmt die pure Angst und es kommen die Panikattacken wieder und ich erlebe wieder das, was ich als Kind so erlebt habe an schrecklichen Gefühlen, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Überlebensangst. Meine Dissoziationen finden das auch nicht alle so spassig. Ich muss aufpassen dass ich mir nicht selber schade und wieder anfange mich selber schlecht zu behandeln.

Ich versuche dann halt auch mit Wissen gegen mein eigenes System zu arbeiten..und wie gesagt, mit Gedanken und Logik gegen zu steuern wie es eben geht. Das ist aber wirklich ganz schön anstrengend.

Lange Rede kurzer Sinn, ich mache ja Niemanden einen Vorwurf. Aber ich bin dir nun mehr wie sehr dankbar, dass du es genauer erklärt hast, was da so alles passiert und wie die Abläufe in so einem Verfahren sind. Da kann ich was mit anfangen für mich. Vielleicht schaffe ich es nun damit etwas besser durch die Zeit.

Liebe Grüße
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