Carlotta15 hat geschrieben:Und wie ist es NACH der Emdr Therapie? Ist es wirklich einfacher? Hat man wirklich sein Leben besser im Girff. Manch einer erzählt ja regelrechte Wunder durch EMDR? Ich kann das nicht so recht glauben, das danach alles besser wird? Wie ist es bei euch, die eine Traumtherapie mit EMDR gemacht haben? Davon würde ich gerne was hören
Also ich kann Dir nicht mit einer abgeschlossenen Traumatherapie und deren Resultat dienen. Das wird noch ein Weilchen dauern, bis es soweit ist..
Eins möchte ich mal vorneweg sagen: Über EMDR liest man sehr viel und nicht alles ist für jeden gültig.
EMDR ist nicht die absolute Wunderwaffe. Es kann nicht alles beheben, was an Schwierigkeiten da ist. Je schwerer jemand traumatisiert ist, desto länger wird er für die Vorbereitung brauchen, bis EMDR überhaupt mal gemacht werden kann. Das Jahre in Anspruch nehmen, bevor die erste EMDR auch nur angetestet werden kann. Je labiler er ist, desto länger wird er sich mit anderen therapeutischen Interventionen und Arbeit an sich selbst abplagen dürfen.... Wenn EMDR zu früh gemacht wird, nützt sie nix, sondern kann schaden. Es ist ein direkter Eingriff ins Gehirn, das muss man wissen. Es ist erforscht und nachgewiesen. Bei den meisten Menschen geht EMDR grundsätzlich. Aber es gibt auch Ausnahmen; bei manchen PTBS-Patienten geht es nicht, geht gar keine Traumaaufarbeitung. Ich kannte in der Klinik eine Frau, die zur EMDR zur Klinik kam und alles war geplant und dann hat der Chefarzt während dem Aufenthalt die EMDR abgesagt und auch weitere Traumaaufarbeitung, weil es zu gefährlich gewesen wäre. Er hat gemeint, wenn man das machen würde, würde bei dem Trauma, das da vorlag, die Patientin am Ende für Monate auf der Intensivstation des Klinikums landen. EMDR kann durchaus in eine körperliche Verfassung bringen, die nicht zu unterschätzen ist.
Aber nicht jede EMDR wird schrecklich und unaushaltbar. Ich hab' mehrere EMDRs gemacht, unter stationären Bedingungen. Es kann sein, dass durch die vergangene Zeit zwischen Traumaereignis und EMDR das Gehirn schon gut gelernt hat, mit den Flashbacks umzugehen. Die EMDR wird auf alle Fälle nie mehr genau so stark ausfallen, wie es das reale Erleben zum Zeitpunkt des Traumas war.
Da das Gehirn nicht einfach so frei gibt, was es weiß, laufen EMDRs z.T. wirklich sehr "lau" ab. Man bereitet sich auf's Schlimmste vor und es passiert kaum was bei einem. Das Gehirn redet also ein Wörtchen mit und schützt sich. Oft ist es anfangs nur ein Kratzen an der Oberfläche des Traumathemas und es werden mehrere EMDRs nötig sein, um ein Thema ganz aufzuarbeiten.
Es kann auch passieren, dass eine EMDR abgebrochen werden muss, weil der Anteil, den es betrifft, noch nicht so weit ist. Ein guter Thera wird's merken, wenn ein Anteil sich vorm Thema zurück nimmt und mit angezogener Handbremse unterwegs ist. Wenn eine traumatisierter Anteil vorm Thema "rumtänzelt", dann ist es zu früh und das ist ok, danach sollte man sich richten.
Es wird pro EMDR möglichst ein Gedankenstrang abgearbeitet. Das kann dauern, der Therapeut hört an einer geeigneten Stelle auf und macht noch eine Nachbesprechung, schaut, dass man gut rauskommt und den Abend danach strukturiert.
Ich bin nach den EMDRs selbst immer super gut drauf gewesen und es ging erst ein paar Tage später los. Nach der EMDR selbst war ich erleichtert, die Anteile waren froh, dass sie endlich dem Thera zeigen/sagen konnten, was ihnen passiert ist, dass das ganze Ausmaß endlich auf's Tablett kam und keiner mehr dran zweifelte.
Man kann mit Bildern, Erinnerungen EMDR machen. Es geht aber auch, dass man einfach bei einem auftauchenden Anteil anfängt und mit dem EMDR macht. Man kann die EMDR also auch in gegenläufiger Richtung aufbauen, erst den Anteil nehmen und Sets machen und dann schauen, ob er beantworten kann, wo und wie er entstanden ist, was seine Aufgabe war.
Nach der EMDR ging's mir direkt besser, weil endlich alles auf dem Tisch lag und mein Thera mir endlich glaubte. So lange hieß es immer: "Viele haben was Schlimmes erlebt!", er hat's nicht wirklich so richtig ernst genommen. Nach der stationären Therapie und den EMDRs insbesondere hat er nie wieder sowas gesagt. Das Setting wurde erweitert und mir wurde zugesagt, dass ich auf alle Fälle in der Klinik und bei ihm als Traumapatientin bleiben darf, so lange, wie ich es brauche. Ich wurde von der VIP-Patientin zur Super-VIP-Patientin gemacht. In der EMDR geht's auf alle Fälle ans Eingemachte, so oder so kommt raus, was wirklich war. Und man verrät auch viel, ohne dass man das weiß. Für einen guten, erfahrenen Traumatherapeuten ist eine EMDR sehr aufschlußreich und nicht nur für den. Erzählen muss man das, was passiert ist, nicht, aber wir haben das so gemacht, weil die Anteile das wollten. Es hätte gereicht, es sich nur vorzustellen und dann zu bearbeiten. Aber wir fanden, dass es der Thera richtig wissen muss, damit wir damit selber und auch mit ihm besser klarkommen. Seitdem ist die Beziehung zu ihm nochmal richtig gewachsen und alles noch besser geworden, man versteht sich insgesamt noch besser und er ist noch motivierter, weil er jetzt genau weiß, was Phase bei uns ist. Das hat seinen Sinn gehabt und war wichtig und richtig.
Was nach der EMDR war?
Es kamen Bruchstücke rauf, die viel erklärten. Auf einmal konnte man mehr sehen, das Gesamtbild, nicht wie vorher die Jahre, wo man so eingeschränkt nur auf alles schauen konnte. Man war danach freier, kompetenter, stabiler, mutiger. Ich fand es eine extreme Stärkung und sehr stabilisierend. Der erwachsene Anteil war auf einmal so spürbar und präsent, die Kommunikation zwischen dem erwachsenen stabilen Anteil und den traumatisierten behandelten Anteilen hat sich in der kurzen Zeit extrem verbessert. Es war extrem besser, das war das direkte Empfinden nach der EMDR, dass man mir endlich geglaubt hat, dass ich wieder stärker und zuversichtlicher war und dass ich eine viel größere Perspektive hatte als vorher. Vorher konnte ich nur Trauma sehen, nur Elend und Schmerz und dann hatte mich das Leben wieder. Auf einmal hatte ich das erste Mal seit Ewigkeiten, Lust zu leben und einfach was draus zu machen. Das war so lange nie da und dann war's plötzlich da, einfach so. Ich hatte weniger Angst, war selbstbewusst und hatte wieder Energie. Ich hab' mich auch nicht mehr so sehr vom Leben und den Menschen betrogen gefühlt wie davor. Es ändert einiges, weil es halt weiterverarbeitet wird.
Ärgerlich während der EMDR fand ich, wenn ein Gedanke hochkam und gleich weg war. Das waren wichtige Dinge und ich hab' sie schneller vergessen als sie auftaucht waren. Ich wollte das klar und bewusst haben und es war aber weg! Mein Thera hat dann gemeint: "Das ist ok und das passiert, wenn etwas schnell weiterverarbeitet wurde. Stören Sie sich nicht dran, das ist alles so in Ordnung.".
Angefangen wurde mit dem ältesten abgespaltenen Anteil, damit die jüngeren abgespaltenen Anteilen sehen können, was in der EMDR passiert und wie es geht. Die jüngsten Anteile kommen ganz zum Ende der Traumaaufarbeitung dran. Beim jüngsten traumatisierten Anteil können wir keine EMDR machen, das ist der einzige, wo es nicht gehen wird. Der wird bleiben und wir versuchen auf andere Weise, ihn zu "deaktivieren". Klingt doof, aber so ähnlich ist das wirklich. Integrieren geht jedenfalls nicht.
Mein Thera hat mir auch vor den EMDRs nochmal gesagt, dass er mich ganz sicher nicht schlagen oder er mir irgendwas antun wird und ich bei ihm absolut sicher bin. Das fand ich schon rührend. Na ja, bevor man sich da so ausliefert...Schaden tut's nicht, sowas nochmal zu sagen, find' ich.
Bei der EMDR muss man nach der Sitzung nix weiter tun, man muss an den Themen nicht mehr selber weiterarbeiten. Das Gehirn macht im Hintergrund mit der Arbeit einfach weiter. Das hat mir viel Hoffnung gegeben, dass endlich mal im Gehirn was von allein verheilt, also zumindest nicht von mir abhing. 6 Monate soll es dauern, bis eine EMDR endgültig im Gehirn ihre Wirkung entfaltet. Ich bin gespannt, was rauskommt, wenn mal alles aufgearbeitet ist und wie die weiteren sein werden.
Vieles von dem, was ich im Internet und Büchern über EMDR gelesen habe, hat sich nicht so bei mir besätigt, und vieles, was ich nie gelesen habe, habe ich in der Traumaklinik von anderen mitbekommen oder selber erlebt.
EMDR sollte man nicht zuviel auf einmal machen, das könnte sonst schnell nach hinten losgehen.
Was ich als Nächstes in der EMDR machen werde, ist Ressourcenstärkung/-verankerung. Aber bevor die geht, wird wieder viel therapeutische Vorbereitung nötig sein, viel Arbeit an sich selbst, zunächst muss der stabile erwachsene Anteil noch mehr aufgebaut und gestärkt werden, erst danach kann man eine Ressourcenverankerung mit EMDR machen.
Ich finde es jedenfalls toll, was damit möglich ist und es zeigt auch sehr genau, dass Trauma viel mit dem Gehirn und dem Körper zu tun hat und es eben gar nicht rein psychisch ist. Es ist nicht nur die Psyche krank, sondern der ganze Mensch. Und ich find's schön, dass man mit EMDR heute eine recht gute Therapiemethode hat, die wirklich viel bewirken kann und das relativ schnell kann.
Ich habe jedenfalls keine Horrorgeschichten zur EMDR beizusteuern. Es kann durchaus anders ablaufen als ein zweites Mal durch die Hölle zu gehen. Ich fand's auch nicht so spektakulär, sondern es war relativ entspannt eingebettet in die sonstige Therapiegesprächssituation. Schwierig fand ich, den Augensets zu folgen und sich gleichzeitig auf's Thema zu konzentrieren. Aber der Thera kennt ja so seine Tricks und hilft nach, damit man die Augensets komplett durchhält. Man kann ja die Augensets auch dann anders machen. Es gibt auch Lang- und Kurz-EMDR, wobei ich mich frage, was man mit nur 1-4 Sets mit der Kurz-EMDR erreichen kann? Ich kann's mir nicht vorstellen, aber die Profis wissen das sicher, sonst gäbe es das nicht. Ich habe nur Lang-EMDR gemacht und damit war schon oft schwer an was ranzukommen. Oft braucht man mehrere lange Sets, damit irgendwas weitergeht. Oft fragt der Therapeut:"Was kommt jetzt?" und es hat sich gar nix getan, es ist nix an Veränderung aufgetaucht. Also ging's weiter, noch mehr Augenbewegungen, damit was angetickt wird...
Ich glaube, spezielle EMDR-Geräte mit Lichtpunkten sind nicht nötig, es ging mit Fingerbewegungen ganz gut. Schade ist, dass man dauernd auf die Finger kuckt und man dann den Thera so gar nicht mehr so sieht. Die Stunden sausen an einem vorbei und wenn ich rausgegangen bin, hatte ich oft das Gefühl, allein zu sein. Es ist halt kein übliches Zwei-Personen-Gespräch mehr, sondern EMDR. Das hat mich ein bisschen enttäuscht, dass man dann eigentlich relativ allein in der Aufarbeitung ist, weil EMDR so technisch ist.
Vielleicht werden meine EMDRs auch irgendwann brutal? Bisher waren sie es für mich nicht. Mein Thera saß da und hatte schon Tränen in den Augen und ich musste aufpassen, dass ich deswegen nicht noch einen Lachanfall kriege. Er heult beim Zuhören und ich sitze da und verziehe keine Miene. Das war der Hammer. Der ist doch sonst nicht so zartbesaitet...So ähnlich lief's bei mir ab. Das Gehirn gibt alles nur dosiert raus oder eben gar nicht.
Wenn die ganze Traumatherapie abgeschlossen ist, alle EMDRs gemacht wurden, dann soll ich wieder ganz gesund und voll arbeitsfähig, mit einem ganz normalen Leben und Alltag, wie alle anderen halt auch. Das ist die Prognose und ich denke, er irrt sich da nicht, er kennt ja viele Verläufe und hat viel Erfahrung mit EMDR und Traumatherapie. Ich denke, es wird so wahr werden und ich freu' mich - nach dem Vorgeschmack der ersten EMDRs - darauf mein Leben mal als gesunder Mensch zu verbringen und warte geduldig, aber sehnsüchtig auf das Ende der Angst.
Das war jetzt sehr ausführlich, aber ich hätte gerne ausführliche Berichte über EMDR gelesen, bevor ich es gemacht hätte und fand eigentlich kaum welche, die mir weitergeholfen hätten.
Ich fand keine einzige der bisherigen EMDRs wirklich schlimm, eigentlich sogar fast gar nicht. Ich denke, es werden schlimmere kommen, aber die am Anfang jetzt waren es für mich nicht.